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Die Strömungen des Salafismus

In den letzten Monaten wabert immer wieder ein Begriff durch die deutschen Medien, der meist missverstanden und oft falsch gebraucht bzw. unzureichend erklärt wird. Die Verwendung des Begriffs “Salafismus”, hat sich im Sprachgebrauch, vor allem der Medien, so weit eingebürgert, dass meines Erachtens nach alles konservativ islamische mit diesem Begriff tituliert wird, ohne die Nötige Differenzierung. Dabei er gibt sich jedoch ein Problem. Puristische, apolitische Salafisten, werden mit dem selben Label versehen wie terroristische Organisationen, die ihre Ideologie an den Salafismus anlehnen – zum Beipiel al-Qaeda.

Als ein Beispiel für die mehr als unglückliche Verwendung und Erklärung möchte ich ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung vom 20 Juni 2011 anführen.

“[Der] Salafismus ist eine Spielart des Wahhabismus, der übersteigerten puritanischen saudischen Staatsreligion.”

Diebe der Revolution” in Süddeutsche Zeitung S. 3 vom 20. Juni 2011

In diesem Artikel werde ich die verschiedenen Entwicklungen des Salafismus aufzeigen, von den historischen Vorbildern, den so genannten as-salaf as-salih (die rechtschaffenen Altvorderen; die Gefährten des Propheten Muhammads, bis in die dritte Generation) über den “reformistischen Salafismus” alà ‘Abduh und Rida, über “politischen Salafismus” der Muslimbrüderschaft. Abschließend wende ich mich dem “jihadistischen Salafismus” zu, als deren Hauptvertreter al-Qaeda allen bekannt ist.

Dabei halte ich mich an das von Wiktorowicz ausgearbeitet Model, der den Salafisms, in drei Strömungen einteilte, die puristische, die politische und die jihadistische. Quintan Wiktorowicz ist insbesondere durch seine Verbindung der Social Movement Theory mit islamistischen Bewegungen bekannt.

Als die historischen Vorbilder, im wahrsten Sinne des Wortes, dienen der Prophet Muhammad, dessen Gefährten und all jene die Muhammad oder dessen Gefährten noch persönlich kennen konnten. Deswegen hat man die Grenze bei der dritten Generation nach Muhammad gesetzt. Die frühe Gemeinde, die sich um den Propheten sammelte, wird als die ideale Form von Gemeinschaft angesehen, weswegen sie heute noch als Vorbild dient. Einige Salafisten kleiden sich deswegen dem Beispiel Muhammads entsprechend.

Besondere Beliebtheit, erlangte der Begriff “Salafismus”, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Zu verdanken, hatte er dies, vor allem der Reformbewegung, deren beiden Köpfe ‘Abduh und Rida’ waren. Sie wirkte hauptsächlich von Ägypten aus und ihre Ideen ging auf Afghani zurück. Die Anhänger des “reformistischen Salafismus”, waren um einiges liberaler, als die heutigen Salafisten. Sie wollten den Islam an die Moderne anpassen durch Reformen des Bildungs-, Wirtschafts- und Herrschaftssystem. Die gegenwärtigen Salafisten beziehen sich in aller Regel nicht auf die genannten “reformistischen Salafisten”. Sie halten diese, zum Teil, sogar als vom Glauben abgefallen.

Die wirklichen Vordenker der heutigen Salafisten, sind insbesondere Ahmad b. Hanbal, Begründer der hanbalitischen Rechtsschule, sowie Taqi ad-Din b. Taymiyya und Muhammad b. Abd al-Wahhab. Sie beeinflussten alle drei Richtungen des gegenwärtigen Salafismus (puristisch, politisch und jihadistisch), auf die ich im folgenden näher eingehen werde.

Als erste Gruppe der Salafisten, sind die puristischen zu nennen. Diese sind in ihrer Haltung apolitisch und vor allem auf das Beibehalten ihrer puritanischen Lebensweise bedacht. Ein gutes Beispiel für diese wären zum Beispiel die saudische Variante des Salafismus sowie die Tablighi Jama’at, eine missionariche Gruppe, die in den 1920er in Indien gegründet wurde. Das Hauptziel des “puristischen Salafismus” ist zum einen der Aufruf bzw. die Missionierung zum Islam (Da’wa), ebenso wie der Kampf gegen Praktiken, die sie als nicht islamisch betrachten. So zum Beispiel die Verehrung von Heiligen durch Sufis. Sie lehnen jegliche politische Partizipation ab, da dies ihrer Meinung nach zum moralischen Verfall führt. Dementsprechend lehnen sie unter anderem auch die Beteiligung an Wahlen ab, denn ihre Auslegung des Tawheed (Monotheismus) ist sehr streng. Gott ist für sie auch im politischen Bereich die einzige legitime Souveränität und durch Wahlen würde der Mensch an dessen Stelle treten. “Puristische Salafisten” sehen sich allerdings nicht als eine politische Bewegung, sondern vielmehr als Avantgarde zum Schutz des “wahren Islams”. Dieses avantgardistische Gedankengut ist meiner Meinung nach allen salafistischen Strömungen zu eigen. Da sie sich für die einzigen Vertreter des “wahren Islams” halten, haben sie viele Ressentiments gegen andere salafistischen Gruppen. Ihnen werfen sie vor, sie würden dem von Muhammad vorgezeichneten Weg verlassen und mit rationalen Gedanken versuchen die politische Veränderung zu erreichen. Dadurch würden sie auch die Prinzipien des Islams vernachlässigen. Solche Vorwürfe erheben zum Beispiel regelmäßig “salafistisch jihadistische” Gruppierungen in Gaza gegen das dortige Hamas Regime.

Die zweite Gruppe sind die “politischen Salafisten“. Sie gehen historisch auf die, 1928 von dem ägyptischen Lehrer Hassan al-Banna gegründete, Muslimbrüderschaft zurück. Diese wollte eine Volksbewegung ins Leben rufen. Denn ihrer Meinung nach würde einer Reform des Islams unweigerlich eine soziale Revolution nachfolgen. Für die Muslimbrüderschaft, deckt der Islam alle Bereiche des Lebens ab. In den 1930er und 40er begannen die Ideen der Muslimbrüderschaft den islamischen Diskurs zu dominieren und gewann die Oberhand gegenüber nationalistischen Ideen und Weltanschauungen. Mit dem Beginn der 1950er und dem Machtantritt Nasers veränderte sich vieles für die Muslimvrüderschaft. Es kam vermehrt zu Zusammenstößen zwischen ihnen und den arabischen Regimen in Ägypten, Jordanien und Syrien. Der wohl wichtigste Ideologe aus dieser Zeit war Sayyid Qutb. Vor allem durch durch die Ideen Qutbs verlor der “politische Salafismus” der Muslimbrüder, die letzten Reste der reformistischen Ideen, die noch in ihrer Ideologie vorhanden waren. Hassan al-Banna war in seinem Denken sehr von ‘Abduh und Rida insperiert worden.

Nach dem brutalen Vorgehen Nasers gegen die Muslimbrüder, gingen jene, die nicht verhaftet wurden, nach Saudi Arabien ins Exil. Dort ist der so genannte “Wahhabismus” die vorherrschende Variante des Islams. Der “Wahhabismus” gehört zur puristischen Strömung des Salafismus und entstand auf der Arabischen Halbinsel des 18. Jahrhunderts. Der Name dieser Richtung geht auf den Begründer und Reformer Muhammad b. ‘Abd al-Wahhab zurück. Er predigte einen sehr fundamentalen Islam und lehnte jegliche Form von Aberglauben ab.

Die nach Saudi Arabien geflohenen Muslimbrüder schafften es schnell in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen, insbesondere in den Universitäten. Von diesn aus war sie sehr erfolgreich darin, ihre Ideologie zu verbreiten, obwohl sie im Kontrast zum “puristischen Salafismus” Saudi Arabiens stand. So gingen aus dem saudischen Bildungssystem immer mehr politisch sensibilisierte Menschen hervor, die in ihre Heimatländer, in der gesamten Arabischen Welt, zurückkehrten oder zum Beispiel nach Afghanistan um dort gegen die Soviets zu kämpfen. Unter diesen Studenten waren zum Beispiel Abdallah Azzam und Abu Muhammad al-Maqdisi. Aus den saudischen Studenten, die in ihrem Heimatland blieben und nun politisch hoch sensibilisiert waren, ging unter anderem die al-Sahwa Bewegung hervor. Sie übte heftige Kritik am Klerikalen Establishment Saudi Arabiens, weil es die Präsenz amerikanischer Truppen auf der Arabischen Halbinsel in einer Fatwa (Rechtsgutachten) erlaubt hatten. Der Hauptkritikpunkt war, dass sich die “puristischen Salafisten” so sehr auf ihr religiöses Seelenheil konzentrieren würden und sich dadurch vollkommen von der politischen Welt isoliert hätten, weshalb sie nicht genügen über diese wüßten um auf aktuelle Situationen angemessene Rechtsgutachten zu erlassen.

Die dritte Gruppe innerhalb des Salafismus, ist die jihadistische (Salafiyya Jihadiyya). Diese ist die in den Medien wohl präsenteste. Die salafistisch-jihadistische Ideologie entstand während des Afghanistan Kriegs, gegen die Sowjet Union. Sie basiert auf den beiden oberen Versionen des Salafismus. Zu beachten ist, dass die “Salafiyya Jihadiyya” keine homogene Untergruppe des Salafismus ist. Wie auch bei den anderen, differenzieren sich die Anhänger in diversen Spektren aus. Die jihadistischen Salafiten, sehen sich wie die anderen Salafiten auch, als die einzig wahren Muslime. Sie verbinden die, für den Salafismus, typische wortgetreue Auslegung des Korans mit einer tiefen Überzeugung für die Notwendigkeit des Jihads, der für sie in erster Linie eine gewaltsame Auseinandersetzung ist. Auf Grund dessen steht der Jihad, für sie, auf der selben Stufe wie die “fünf Säulen des Islam”. Somit wird er als eine der Grundlagen des Islams dargestellt.

Sie lehnen die im Islam übliche Meinung ab, das der Jihad, nur als ein defensiver Verteidigungskrieg geführt werden darf. Vielmehr sind Jihadisten davon überzeugt, dass es die Pflicht eines jeden Muslims sei, den Jihad aktiv und vor allem aggressiv zu führen. Der Jihad wird so in ihrer Ideologie, von einem defensiven, zu einem aggressiven Angriffskrieg. Dazu fällt allerdings in ihrer Rhetorik auf, dass sie versuchen, den Westen, oder die Arabischen Regime, als den Aggressor darzustellen und so doch versuchen, ihre Ansichten in der Mainstream- Meinung zu verpacken. Die Ansicht, dass der Jihad aggressiv zu führen sei, geht in erster Linie auf Sayyid Qutb zurück.

“Qutb advocated jihad to establish an Islamic state. In doing so, he argued angainst well-established Islamic legal opinions that jihad was primarly a strugel against the soul (jihad al-nafs) or a defensive war to protect the Muslim community. In kind of Islamic liberation theology, he argued that force was necessary to remove the chains of oppression so that Islamic truth could predominate.”

Wiktorowicz: A Genealogy of Radical Islam. 2005. S. 79

Quintan Wiktorowicz, macht in seinem Artikel “A Genealogy of Radical Islam” vier große Unterschiede zwischen den “normalen Salafisten” und den “jihadisten Salafisten” aus.

  1. Der Gebrauch des takfir (jemanden als Apostaten erklären) und ob dies auch für Herrscher gilt und der Jihad dann gegen sie geführt werden darf bzw. geführt werden muss
  2. Unterschiedliche Ansichte über den Jihad (defensiv – aggresiv)
  3. Zulässigkeit Zivilisten anzugreifen
  4. Die Legitimität von Selbstmordanschlägen

Die Mehrheit der Muslime lehnt die Praktik des takfir nicht grundlegend ab. Viele Salafisten sind der Meinung, dass ein Herrscher ein Kafir (Ungläubiger) werden kann, wenn er wissentlich Gesetze erlässt, die im Widerspruch mit der Scharia’ stehen. Allerdings gibt es auch hier wieder unter den “jihadistischen Salafiten” diverse Meinungen.  Al-Qaeda und ihr nahestehende Gruppen, titulieren regelmäßig arabsiche bzw. muslimische Herrscher als Ungläubige. Da es nun erlaubt sei, aus ihrer sicht, die Herrscher, die keine Muslime mehr seien, anzugreiffen und zu töten.

Für Wiktorowicz, ist die Bereitschaft, auch Zivilisten als legitime Ziele zu betrachten, ein Phänomen, das erst seit dem Algerischen Bürgerkrieg für “jihadistische Salafisten“, hoffähig wurde.

In seinem wirklich guten Buch “The Globalization of Martyrdom“, stellt Assaf Moghadam einen Kriterienkatalog auf, wann eine Bewegung zur Gruppe der “jihadistischen Salafisten” gehört. Dafür muss sie dem sunnitischen Islam angehören und eines der weiteren vier Kriterien erfüllen:

  1. Sie ist Mitglied oder affiliiert mit al-Qaeda – dies zeigt sich im Namen
  2. Sie hat al-Qaedas Weltanschauung übernommen und praktiziert den globalen Jiahd
  3. Sie übt Gewalt aus, um ein islamisches Regime zu stürzen und an Stelle dessen ein Kalifat zu errichten
  4. Sie betreibt die Praktik des takfir

Moghadam: The lobalization of Martyrdom. 2008 S. 50

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass bei der Benutzung des Wortes “Salafismus” und anderer religiöser Begriffe, in diesem Zusammenhang, Vorsicht geboten ist. Zudem sollte man sich des Unterschiedes bewusst sein, der zwischen den Gruppierungen besteht, die gerne mit “radikal islamisch” beschrieben werden. Denn so konservativ und radikal zum Beispiel die Hamas auch sein mag, wird sie dennoch von salafistischen Gruppierungen regelmäßig kritisiert und angegriffen.

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Al-Wala’ wa-l-Bara’ – IV – Ayman al-Zawahiris Biographie

Heute ist Ayman al-Zawahiri auch vielen Leuten bekannt, die sich nicht näher für das Thema Jihadismus interessieren. Vor allem durch seine Videobotschaften, die auch in den deutschen Nachrichten des öfteren Erwähnung finden.

In diesem Post möchte ich zunächst einmal die Biographie von Ayman al-Zawahiri vorstellen und durch sie einen Paradigmenwechsel verdeutlichen, der meiner Meinung nach der wichtigste Schritt hin zum Jihadismus alá al-Qaeda, wie wir ihn heute kennen, war. In den darauf folgenden Post werde ich jeweils stückweise meine kommentierte Übersetzung von “al-Wala’ wa-l-Bara’ Ein vergessener Glaube und verlorene Tatsachen” – ein 30 Seiten Text von Ayman al-Zawahiri – online stellen.

Ayman al-Zawahiri wurde 1951 in Ma’adi, einem Vorort von Kairo, in eine unter anderem für ihre Religiosität bekannte Familie geboren. Aus ihr gingen viele Gelehrte der al-Azhar hervor aber ebenso auch viele Politiker. So unterschied sich die Familie von Zawahiri auch stark von der restlichen, sehr stark am Westen orientierten Oberschicht Kairos. Sie lebten auf eine sehr fromme Art und Weise und stellten ihren Reichtum nicht zur Schau, wie es Gang und Gebe zu dieser Zeit war. Dadurch lässt sich auch gut erklären, dass Ayman al-Zawahiri bereits in jungen Jahren als ein sehr religiöses und politisch sensibilisiertes Kind in Erscheinung trat.

Durch die Exekution von Sayyid Qutb im Jahr 1966 änderte sich die Einstellung der islamistischen Bewegung Ägyptens schlagartig und das hatte auch großen Einfluss auf ihre zukünftige Ideologie, die maßgeblich von ‘Abd al-Salam Faraj und Ayman al-Zawahiri geprägt werden sollte.

Es ist somit bestimmt auch kein Zufall, dass Zawahiri im selben Jahr, im Alter von 15 Jahre, seine erste „Untergrundzelle“ an seiner Schule gründete und sich das, zu dieser Zeit wohl doch vermessene Ziel setzte, die ägyptische Regierung zu stürzen.

Das Sayyid Qutb ihn, sowie die ägyptische islamistische Bewegung im allgemeinen, sehr beeinflusste schrieb Ayman al-Zawahiri in seinem im Dezember 2001 veröffentlichten Buch „Ritter unter dem Banner des Propheten“. In dem er sogar ein gesamtes Kapitel über Sayyid Qutbs Ideologie schrieb.

Für Ayman al-Zawahiri sind wohl zwei Schlagwörter aus Qutbs Ideologie am wichtigsten: Ğāhiliyya und Hakimiyyah.

Ğāhiliyya bezeichnet im Arabischen die vor-islamische Zeit, in der die Menschen noch in Unwissenheit lebten, da sie die Lehre des Islam noch nicht kannten. Qutb dagegen verwendet die Interpretation des pakistanischen Gelehrten Maududi, der den Begriff auf seine Zeit ausdehnt und der Meinung ist, dass auch noch seine Zeitgenossen, die nicht nach dem islamischen Recht leben, noch in der Epoche der Ğāhiliyya sind. Diese gilt ebenso für Staaten die nicht nach dem wahren islamischen Recht beherrscht werden. Qutb kam mit den Schriften von Maududi durch Übersetzungen seines Schülers Nadwi in Kontakt, denn er wohl im Jahr 1951 bei der Hajj traf.

Ḥākimiyya ist das Konzept, dass Qutb der Ğāhiliyya seiner Zeit entgegenstellt. Es bezeichnet die wahre Herrschaft Allahs. Nur die Herrschaft ist legitim, die Allah als den einzigen Souverän anerkennt und die sich nur nach seinen, in Koran und Sunna offenbarten, Gesetzen richtet.

Während der Regierungszeit von Sadat kamen viele unter Nasser verhaftete Islamisten wieder frei und sorgten somit auch für ein wachsen und erblühen der Islamistischen Bewegungen Ägyptens. Diese findet sozusagen ihren Höhepunkt mit der Vereinigung der Gama’a Islamiyya und der Ğihād Gruppe unter der Leitung von Faraj, der auch Zawahiri angehört und in der er keine unwichtige Rolle spielte.

Dabei treffen zwei Gruppierungen aufeinander, die völlig diametrale Ansätze haben. Zum einen die Gama’a Islamiyya unter der Leitung von Karam Sohdis, die eine islamistische Massenbewegung ist, mit ihren Zentren vor allem in Oberägypten sowie der Ğihād Bewegung von Faraj, die sich im Gegensatz zur Gama’a Islamiyya, als eine revolutionäre Avantgarde, im leniistischen Sinn, versteht. Der „Chef-Ideologe“ dieses Zusammenschlusses ist Scheikh ‘Abd al-Rahman, der vielen wahrscheinlich als der blinde Scheikh bekannt ist – vor allem durch seine Verstrickungen in den Anschlag auf das World Trade Center von 1993.

Diese Koalition verübte im Oktober 1981 dann auch das Attentat auf den ägyptischen Präsidenten Sadat, in der Hoffnung, dass es ausreichen würde nur den Präsidenten zu töten, um Ägypten in einen in ihrem Sinne wahren islamischen Staat zu verwandeln. In der darauf folgenden Jagd des ägyptischen Staates auf die Islamisten wurde Ayman al-Zawahiri verhaftet und wohl auch gefoltert. Dieses Erlebnisse brachte ihn seinem geistigen Vorbild Sayyid Qutb noch näher. In den Prozessen wird Zawahiri zum Sprecher der Gefangenen. Während des Prozesses richtet er sich mit einer Rede an die anwesenden Journalisten:

“Wir wollen uns nun an die ganze Welt wenden. Wer sind wir? Warum haben sie und hierhin gebracht und was wollen wir verkünden? Ersten, wird sind Muslime! Muslime, die an ihre Religion glauben, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Deshalb haben wir alles unternommen, was in unserer Macht steht, um einen islamischen Staat zu errichten. […] Wir sind die wahrhafte islamische Opposition gegen den Zionismus, Kommunismus und Imperialismus. Zweitens, sie haben uns angeklagt, weil sie versuchen die islamische Bewegung zu vernichten und als Vorbereitung der zionistischen Unterwanderung”

Kurz nach seiner Freilassung verlässt Zawahiri Ägypten in Richtung Saudi Arabien um in einem Krankenhaus zu arbeiten. Er Verließ Ägypten wohl auch um einer drohenden Verfolgung durch den ägyptischen Staat zu entgehen. 1985 ging er dann von Saudi Arabien nach Afghanistan, wo er bereits 1980/81 für sechs Monate als Arzt tätig war. Nach seiner Ankunft in Peshawar macht er aber keine Anzeichen sich Abdallah Azzam anzuschließen, der damals wohl so etwas wie die Vater Figur der Mujahideen war. Anstatt dessen sucht Zawahiri die Nähe zu einem damals noch vollkommen unbekannten Usama b. Laden. Sein Interesse dürft wohl rein finanziell gewesen sein um mit den Mittel des reichen Saudis, den Ğihād seiner Gruppe in Ägypten zu finanzieren. Um dies zu erreichen, unternimmt Zawahiri auch diverse Versuche Usama b. Laden dem Einfluss von Azzam zu entziehen. Dem liegt ein Streit über die grundlegende Ausrichtung der globalen Ğihād Bewegung zu Grunde, nämlich ob zunächst der nahe Feind (die arabischen Regime) oder der ferne Feind (vor allem Amerika und Israel) bekämpft werden soll. Diese ideologische Auseinandersetzung innerhalb der gesamten Bewegung trat mit dem Ende des sowjetischen Ğihād in den Vordergrund der Diskussion und sollte ihn auch die kompletten 90er Jahre beherrschen.

Mit der Besetzung Kuwaits durch den Irak und dem saudischen Hilferuf and USA, die vorher ein Angebot von Usama b. Laden, bei der Verteidigung Saudi Arabiens zu helfen, ausgeschlagen haben, werden die ideologischen Differenzen zwischen b. Laden und Zawahiri immer größer. Usama b. Laden hat als Hauptziel die Vertreibung der Amerikaner von der Arabischen Halbinsel – er bevorzugt den fernen Feind. Zawahiri hingegen hat als sein Hauptziel die Errichtung eines islamischen Staates in Ägypten. Denn seiner Meinung nach „führe der Weg nach al-Quds über Kairo“.

Da Afghanistan immer mehr im Chaos versinkt reisen b. Laden, Zawahiri und ihre Begleiter 1992 in den Sudan. Dessen geographische Nähe zu seinem Heimatland, nutzt Zawahiri um die ägyptische Ğihād Bewegung neu zu formieren, dabei plagen ihn wohl hauptsächlich Geld sorgen.

Ein Jahr später veranlasst er einige terroristische Operationen in Ägypten, die in Konkurrenz zur Gama’a Islamiyya gesehen werden müssen, die zur selben Zeit eine gewaltsame Kampagne gegen die Regierung in Kairo führte. Beiden kann der ägyptische Staat allerdings recht erfolgreich, durch eine der größten Verhaftungswellen seit Sadats Ermordung, begegnen. Dadurch gezwungen, kooperieren beide Gruppierungen bei der Planung und Durchführung eines Anschlags auf den ägyptischen Präsidenten, Hosni Mubarak, während seines Besuches in Addis Abeba, der jedoch fehlschlägt. Für die sich in Ägypten befinden Kader hat das verheerende Auswirkungen. Nach einem „erfolgreichen“ Anschlag auf die ägyptische Botschaft in Islamabad nimmt der Druck der USA und Ägyptens auf den Sudan so stark zu, dass die Islamisten des Landes verwiesen werden und fast alle nach Afghanistan zurückkehren. Für die Ausweisung wird vor allem Hasan at-Turabi, der den Muslimbrüdern nahe stehende islamistische Ideologe, verantwortlich gemacht und nur zu sehr kleinen Stücke Sudans Präsident Omar al-Bashir.

Ayman al-Zawahiris Rückkehr nach Afghanistan und seine erneute Verbrüderung mit Usama b. Laden in Jalalabad, haben auch Auswirkungen aus seine ideologische Ausrichtung. Am 26. Februar 1998 unterzeichnet Zawahiri zusammen mit b. Laden eine Erklärung zur Gründung einer Internationalen islamischen Front für den Ğihād gegen die Juden und Kreuzzügler“. Ebenso stellen beide eine Fatwa aus, die es zur obligatorischen Pflicht eines jeden einzelnen macht, Amerikaner und deren Verbündeten zu ermorden. Hier mit hat Zawahiri den Schritt gemacht, dass der Ferne Feind für ihn die höchste Priorität hat. Damit wendet er sich auch vom Revolutions Modell seiner eignen Ğihād Bewegung ab, weshalb es später zum Zerwürfnis kommt. In seinem Werk „Ritter unter dem Banner des Propheten“, dass ab Ende 2001 stückweise in der arabische Zeitung al-Sharq al-Awsat veröffentlicht wird, bemüht er sich um eine religiöse legitimieren einer ausschließlichen Bekämpfung des fernen Feindes.

Ein Jahr später veröffentlicht er ein weiteres Werk, das allerdings sehr stark angelehnt ist an die religiöse Literatur. Dieses Werk heißt “al-Wala’ wa-l-Bara’ Ein vergessener Glaube und verlorene Tatsachen” – dessen Übersetzung ich demnächst hier hoffentlich online stellen kann.

Der Text widmet sich ausschließlich dem Prinzip al-Wala’ wa-l-Bara’, das man gut und gerne als die Basis der neuen Ideologie des Jihadismus sehen kann.

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